Rolf Lührmann - ein Portrait

„Kaffee trinken und telefonieren“. Nachdem sie ihren Papa zum ersten Mal im Rathaus besucht hatte, war für Rolf Lührmanns Tochter Isabelle alles klar: Bürgermeister ist ein ziemlich cooler Job. „Eigentlich hatte sie gar nicht unrecht“, erinnert sich Lührmann heute mit einem Schmunzeln an den Kommentar seiner Tochter. „Man spricht mit Menschen in kleiner oder großer Runde, man telefoniert, liest in Akten und schreibt oder diktiert. Und bei den Besprechungen und Versammlungen gibt es natürlich auch Getränke.“

Sich selbst, sein Amt oder seine Verdienste lautstark anzupreisen, das liegt dem 57-jährigen Volljuristen nicht. „In der Öffentlichkeit zu stehen, habe ich mir niemals gewünscht. Aber ich habe mich daran gewöhnt.“ Rolf Lührmanns Stil ist das Understatement. Er ist kein Barack Obama, der das Bad in der Menge genießt. Er ist nicht der Mensch, der sich in den Vordergrund spielt. Und jubelnder Zuspruch wäre ihm eher peinlich. Das spiegelt sich in der Mentalität der Westfalen wider. „Wenn der Westfale schweigt, ist er zufrieden. Er handelt nach dem Motto: nicht geschimpft, ist genug gelobt.“

In 17 Jahren Dienst für die Stadt, erst als Stadtdirektor und dann als Bürgermeister, hört Rolf Lührmann sehr genau zu, was die Borkener wollen: „Die Menschen hier sind sparsam und pflichtbewusst. Diese westfälischen Tugenden erwarten sie auch von ihrer Stadtverwaltung und ihrem Bürgermeister.“ Er selbst versteht sich als Dienstleister für die Gemeinschaft, und genau auf diesem Gebiet liegen auch seine Stärken: mit Sachverstand verhandeln, abwägen und den besten Kompromiss finden, beharrlich an Zielen arbeiten, aber auch Position beziehen und Entscheidungen treffen, selbst wenn sie unbequem sind. Dass Rolf Lührmann das kann, hat er bewiesen.


Kein Zufall, dass die Stadt selbst in Zeiten der Wirtschaftskrise einen ausgeglichenen Haushalt vorweisen kann. Lührmann weiß die Eigenverantwortung, die die Borkener für ihre Gemeinschaft übernehmen, zu schätzen: „Die Bürger verfolgen die Geschicke ihrer Stadt sehr aufmerksam und kritisch. Sie lassen sich nichts vormachen und wissen, was sie von großartigen Wahlversprechen zu halten haben. Alles hat seinen Preis, und den muss schließlich der Steuerzahler zahlen. Deshalb schreien die Menschen hier nicht immer gleich nach dem Staat, sondern krempeln selber die Ärmel hoch.“ Nachbarschaftshilfe, Jugend- und Vereinsarbeit sind fest im Alltag der Borkener verankert. Zum Beispiel das Büchereiwesen: Während vielerorts Bücherhallen und Bibliotheken dem Spardruck zum Opfer fallen und geschlossen werden müssen, läuft das Verleihwesen der St. Remigius-Bücherei in Borken vorwiegend  auf ehrenamtlicher Basis. Für den Bürgermeister eine Bestätigung seiner Auffassung, dass die Stadt gut damit fährt, sich aus den Dingen herauszuhalten, die ohnehin bestens unter der Bürgerregie funktionieren.


Gerda und Rolf LührmannNatürlich ist auch Familie Lührmann Mitglied in ihrer Nachbarschaft Kampstrasse/Julia-Koppersweg. Das Röschenbasteln überlässt er zwar gerne seiner Frau Gerda, dafür dürfen die Nachbarn immer auf die organisatorische Unterstützung ihres Bürgermeisters zählen. Und in persönlichen Notsituationen steht Rolf Lührmann auch mit seinem juristischen Sachverstand zur Verfügung. Höchste Vorsicht ist allerdings geboten, wenn er seine Hilfe beim Umzug oder Renovieren anbietet. Kisten schleppen geht gerade noch, aber die Bohrmaschine darf man ihm nur in Anwesenheit eines fähigen Handwerkers anvertrauen. Und auch das Verbandszeug sollte am besten zur Hand sein.

Umso höher einzuschätzen sind seine Qualitäten in Haushalt und Küche. Wer je zu Gast bei den Lührmanns war, weiß, dass sich seine kulinarischen Künste nicht aufs Brötchen schmieren und Kaffee kochen beschränken. Rolf Lührmann ist ein herzlicher und großzügiger Gastgeber, der in seiner Küche die köstlichsten Menus zaubert. „Am meisten Spaß macht mir das Kochen mit frischen Zutaten, die ich selbst eingekauft habe.“ Also keine Sorge: Wenn der Bürgermeister mit prallen Einkaufstaschen über den Markt oder durch die verschiedenen Lebensmittelgeschäfte zieht, bedeutet das nicht, dass seine Frau krank im Bett liegt.
Dabei kommen ihm am Herd einige der Eigenschaften zugute, die ihn auch als fähigen Bürgermeister auszeichnen: im Vorfeld gut planen, sonst scheitert das Ergebnis; ein Gespür für das richtige Timing entwickeln; nicht das ganze Lob für sich selbst einheimsen, sondern auch  die Mithilfe seiner Partner(in) anerkennen; wenn etwas gründlich misslungen ist, Verantwortung übernehmen.

Verantwortung übernehmen, auch wenn es unbequem ist, das lernte Rolf Lührmann schon früh. Sein erstes großes Jobangebot nach dem Staatsexamen sollte ihn nach Kiel führen. Er sagte ab, weil seine Mutter schwer krank wurde. Mit seiner Frau Gerda, die als ehemalige Krankenschwester die Mutter pflegte, zog er zurück in die elterliche Wohnung in Münster und kümmerte sich um seine vier jüngeren Geschwister. Für Rolf Lührmann und seine Frau war das eine Selbstverständlichkeit.
Wenn es um die menschlichen Qualitäten des Bürgermeisters geht, fragt man ohnehin am besten seine Frau Gerda. Die erinnert sich noch sehr gut an ihre erste Begegnung mit ihrem zukünftigen Mann. „Das war in Münster in einer Studentenkneipe. Ein betrunkener Gast wurde zudringlich. Ohne eine Sekunde zu zögern, ging Rolf dazwischen und bugsierte den Mann freundlich, aber bestimmt vor die Tür.“
Ob er handgreiflich werden musste oder den Mann mit juristischen Argumenten überzeugen konnte, bleibt für immer sein Geheimnis. Aktenkundig ist nur, dass dieser Vorfall in einer mittlerweile 32 Jahre dauernden glücklichen Ehe endete.
Seitdem weiß Gerda Lührmann die Fähigkeiten ihres Mannes als Krisenmanager zu schätzen. Als Kriminalbeamtin für Sexualdelikte bekommt sie es manchmal mit so grausamen Verbrechen zu tun, dass sie das Erlebte noch tagelang belastet.
„In solchen Situationen ist mein Mann voll und ganz für mich da. Ich kann mich bei ihm anlehnen und aussprechen. Er hört mir zu und zeigt mir, wie ernst er meine Arbeit nimmt.“

Er selbst, sagt Rolf Lührmann, lerne angesichts solcher Schicksale immer wieder, die richtigen Prioritäten zu setzen. „Die Arbeit meiner Frau bedeutet für mich auch, den Blick über den Tellerrand nicht zu verlieren. Sie lässt mich innehalten und hilft mir dabei, mich nicht im alltäglichen Verwaltungstrott zu verzetteln.“

Was Rolf Lührmann der Stadt Borken bietet, sind Sachverstand und Erfahrung, Rückgrat und Menschlichkeit. Er ist kein Mann der großen Wahlversprechen – und das ist auch gut so.

Ein Portrait von Ulrike Scherwinski, Journalistin, Hamburg

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